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Sechs Jahre Pastoralreferent in St. Otto
Als ich den Auftrag bekam, einen Bericht über die Entwicklungen in der Filialkirchengemeinde St. Otto aus der Sicht des Seelsorgers
abzufassen, dachte ich noch nicht daran, dass es ein Abschiedsbrief werden würde.
Nach 6 erfahrungsreichen Jahren muss ich mich aufgrund einer Regelung der Erzdiözese zum 1. September 1994 auf eine neue Stelle
bewerben. Es tut mir selbst leid, spüre ich doch, wie sehr ich mit den Menschen in St. Otto und St. Magdalena verwachsen bin in dieser Zeit.
Dennoch gehören Abschied und Aufbruch zum Leben und so blicke ich dankbar zurück. Ich sehe vor mir die erste
Begegnung mit Pfr. Noppenberger, der mich von Anfang an wohlwollend förderte, ebenso das “Pfarrhaus St. Magdalena”. Dann fallen mir spontan die ersten Hausbesuche bei Gemeindemitgliedern ein: Gespräche -
oft bis Mitternacht, Fotoalben, Freude und Trauer, Diskussionen über “Gott und die Welt”, Fragen und Ängste.
Ich habe vieles gelernt in den 6 Jahren. Dafür bedanke ich mich bei allen, durch die mir etwas zuteil
geworden ist. Manchem durfte ich Mut machen oder ein kleiner Wegweiser sein, andere haben mich ermutigt weiterzumachen. Der Sachausschuss St. Otto war ein Brennpunkt für die Gemeindeentwicklung, dort lief vieles
zusammen, vieles wurde gemeinsam entwickelt. Mir kommen heftige und engagierte, aber auch frohe Sitzungen in den Sinn. Mittlerweile wurde der erste Pfarrgemeinderat in St. Otto gewählt, ein Meilenstein für unsere
junge Gemeinde.
Mit Gesprächskreisen, Mutter-Kind-Gruppen, Bibelabenden uvm. versuchten wir weiterzubauen an dem Fundament,
das andere vor uns gelegt hatten. Wir stehen immer auf den Schultern anderer und auf dem Grund, der von Gott gelegt ist - Jesus Christus. Paulus formuliert es ganz klar:
"Ich habe gepflanzt, Apollos (ein Mitarbeiter) hat begossen, Gott aber
ließ wachsen. So ist weder der etwas, der pflanzt, noch der, der begießt, sondern nur Gott, der wachsen lässt. Wer pflanzt und begießt: beide arbeiten am gleichen Werk. (1 Kor 3,6-8)"
Nach und nach entstanden eigenständige Initiativen. Erst zögerlich, dann mit ganzer Kraft und Phantasie, haben sich Leute zur
Verfügung gestellt. Viele übernahmen Verantwortung, jeder nach seinen Möglichkeiten. Selbstverständlich blieb manches liegen, Enttäuschungen sind unvermeidlich, Auseinandersetzungen notwendig.
Nachhaltig erinnern werde ich mich an die Gemeindewochenenden jedes Jahr. Dort ist vieles gewachsen:
Vertrauen, Gemeinschaft, Achtung und Schwung. Ein Familienkreis entstand. Die “St. Ottofeste” haben die Gemeinde über viele Jahre zusammengeschweißt. Immer mehr haben gewagt mitzutun.
Gerne habe ich geistliche Angebote gemacht, Gebetstreffen angestoßen und Liturgie mitgestaltet. Die Gitarre
hat uns begleitet. Auch das gemeinsame Fasten wurde zum Gebet. Osternächte, Adventsfeiern, Taizéfahrt mit Jugendlichen bleiben als lebendige Eindrücke.
Mit dem Gemeindebrief St. Otto haben wir versucht, mit dem “Gesicht" unserer Gemeinde in die
Häuser zu gehen. Wir wollten informieren und einladen, immer bemüht, die Ortsteile nicht aus dem Blick zu verlieren.
Die Kindergartenkinder lagen mir am Herzen, sie haben auch mir viel gegeben. Ich habe immer versucht, dass
Kinder und Jugendliche vorkommen dürfen, ihren Platz in der Kirche haben. Kindergruppen, Ministranten und Pfadfinder in Aurachtal, sie gehören zu uns. Das ist meine Bitte an Sie alle: Denken Sie an die Kinder und
Jugendlichen, ohne sie gibt es keine Zukunft der Kirche.
In einem Bibelgespräch der letzten Wochen ist mir ein Satz wichtig geworden, den ich an Sie alle weitergeben möchte zum Schluss. Jesus
sagt zu seinen Jüngern:
"Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu
bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt. Dann wird euch der Vater alles (!) geben, um was ihr in meinem Namen bittet." (Joh 15,16)
Dieser Satz gilt für alle, die im Vertrauen zu Jesus leben. Er ruft jede und jeden auf, sich auf den Weg zu machen, sich einzubringen.
Es gibt verschiedene Gaben. Zusammen mit anderen wird ein Engagement oder ein Gebet eine Frucht bringen, die nicht von Motten und Rost zerfressen wird. Wer sich einen Ruck gibt und mit anderen an Gottes Reich
mitzubauen versucht, der wird alles bekommen, was er zum Leben braucht: Angenommen sein, zu einer Gemeinschaft gehören, getröstet werden, für andere sich einsetzen können in Seinem Namen.
In diesem Sinne wünsche ich der Gemeinde St. Otto immer wieder Menschen, die sich anrühren lassen und losgehen. Ich wünsche Kaplan
Joachim Kauer eine glückliche Hand für seine Aufgabe.
Ihnen allen wünsche ich Gottes Segen für die Zukunft.
Ihr Norbert Schleicher
vgl. Norbert Schleicher: “Sechs Jahre Pastoralreferent in St. Otto - ein Rückblick, Ein
Bericht von N. Schleicher, Pastoralreferent (1.9.1988-1.8.1994)
in: Eine Gemeinde erinnert sich. Festschrift zur Einweihung der St. Otto Kirche, Herzogenaurach.
12. Juni 1994, S. 26-28
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